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Industrialisierung / Proletariat

Die landwirtschaftliche Revolution

Weit langsamer als die Industrielle Revolution gestaltete sich der Umbruch in der Landwirtschaft. Um 1850 waren für fast alle Tätigkeiten arbeitssparende Maschinen verfügbar, doch hielten Probleme mit der Dampftechnik und Geldmangel viele Bauern vom Kauf ab. Zahlreiche Höfe, am Rhein weniger als jenseits der Elbe, waren durch Ablösezahlungen aus der Bauernbefreiung belastet. Der Anstieg der Agrarpreise, Hektarerträge und Viehleistungen von 1826 bis 1875 wirkte sich für die rheinischen Klein- und Mittelbauern kaum aus. Ihr Grundbesitz, kleiner als sonst in Preußen, ließ effizienteres Wirtschaften nicht zu. Als Ausweg blieb oft nur die Abwanderung in die Fabrik.
Die landwirtschaftliche Revolution vollzog sich am Rhein weniger als eine radikale Änderung bestehender Rechts- und Besitzverhältnisse denn als eine durch Technik, Wissenschaft, Unterricht und Organisation bewirkte Professionalisierung des Bauerntums.
Zur Propagierung rationeller Arbeitsweisen wurde 1832 der "Verein für gemeinnützige Bemühungen zur Förderung der Landwirtschaft, des Gewerbefleißes, der Intelligenz und Sittlichkeit in den Eifelgegenden" gegründet. Ihm folgten 1834 der "Oberbergische landwirtschaftliche und industrielle Verein" und 1840 der "Landwirtschaftliche Verein für Rheinpreußen", der in behördlicher Regie für die Maschinisierung der Feldarbeit wirbt. In Instituten, Versuchslaboren und Agrarschulen experimentierte man mit neuen Methoden der Düngung, Viehzucht und Pflanzenproduktion - nach 1850 expandierte der Zuckerrübenanbau und begründete einen weiteren Zweig der rheinischen Lebensmittelindustrie - sowie mit neuen Futterpflanzen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit des Viehs. Dagegen setzte die Auswahlzüchtung erst langsam ein. Die frühesten Bestrebungen dazu konzentrierten sich auf das Pferd, die wichtigste natürliche Kraftquelle.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Seit 1839 existierte dafür ein Landgestüt in Wickrath. Zur Qualitätssicherung unterlag die Milcherzeugung zunehmend der Kontrolle von Molkereigenossenschaften, deren erste 1866 in Bitburg entstanden war.
Von herausragender Bedeutung nicht nur für die rheinische Agrarwirtschaft war das 1819 in Bonn Poppelsdorf gegründete Landwirtschaftliche Institut, welches ab 1847 Landwirtschaftliche Hochschule und 1934 an die Universität Bonn angegliedert wurde. Als königliche Lehr- und Übungsanstalt mit einem Versuchsgut ausgestattet, wurde es 1860 zur "Landwirtschaftlichen Akademie" erhoben. In den folgenden Jahrzehnten leistete sie Hervorragendes bei der Organisation höheren landwirtschaftlichen Unterrichts und der Erprobung neuer Agrarmethoden. Eine weitere wichtige Neuerung war die Genossenschaftsbewegung, die der in Hamm an der Sieg geborene Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) 1864 ins Leben rief. Sein Prinzip genossenschaftlicher Selbsthilfe bei solidarischer Haftung aller Mitglieder verschaffte unzähligen kapitalarmen Bauern Zugang zu erschwinglichen Krediten zum Kauf von Saatgut und Maschinen und verhalf ihnen durch gemeinsame Vermarktung zu besseren Ernteerlösen. Raiffeisens Werk war der wichtigste singuläre Beschleunigungsfaktor der Landwirtschaftlichen Revolution.

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