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Inhaltsverzeichnis

Städte 1945

Düsseldorf

Bongs, Rolf: Ein Mann geht durch die Stadt, aus "Städte 1945 – Berichte und Bekenntnisse" hrsg. von Ingeborg Drewitz, erschienen im Eugen Diederichs Verlag 1970 Düssel-dorf/Köln/München/Kreuzlingen
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Heinrich Hugendubel Verlags München

Düsseldorf im Jahre 1945.
Sand zwischen den Zähnen. Sand in den Schuhen. Mörtelschutt. Staub. Schmutz. Jeder Windhauch, bei so viel Sonne, wirbelt das hoch.
Quer im Rhein, zwischen Düsseldorf und Oberkassel, liegen die gesprengten Bogen der alten Brücke: Buckel einer grünen Schlange. Sperre. Gefährliche Strudel im Wasser. Ein Junge balanciert vom linken zum rechten Ufer über die Träger, rennt atemlos in die Keller der Kunstakademie. Weder die Deutschen noch die Amerikaner schießen auf ihn.
Düsseldorf liegt unter Artilleriefeuer. Kanonen gegen eine Stadt. Das ist mittelalterlich. Während dieser 7 Wochen werden rechtsrheinisch über vierzehnhundert Menschen getötet.

Die tote Stadt. Zweidrittel der Einwohner sind geflohen. In der Stadt standen an Straßen und in Parks 30 000 Bäume. 20 000 sind zerfetzt, verbrannt, zerschlagen, nackte Gerippe.
Im Hafen ist ein Schiff mit Sprit versenkt worden. Vorsichtig. Die Behörden funktionieren noch. Acht Menschen werden hingerichtet, einer wird öffentlich gehenkt. Im Januar fällt zweimal hoher Schnee, der Februar ist ohne Frost, das Barometer zeigt schönes Wetter an. 516 Menschen sterben durch "gewaltsame Einwirkungen". Was bedeutet das? Amtssprache.

Im März besetzen Amerikaner Oberkassel. Durch Lautsprecher geben sie den Düsseldorfern bekannt, daß sie in den frühen Vormittagsstunden nicht schießen werden, damit die Frauen ihre Einkäufe machen können. Ein Amerikaner nimmt in seinem Quartier Bücher an sich. Souvenirs. Für die USA. Er schreibt seinen Namen in ein Buch von Herben Eulenberg. Der Soldat muß dann plötzlich weg. Das Buch bleibt liegen. Ein Mann hebt es auf.
Am 17. April nehmen die Amerikaner mit 800 Mann und 8 Panzern ohne einen Schuß die erschöpfte Stadt. Wir sind frei. In der Stadtkasse sind noch 857000 Mark. Reichsmark. Das Reich ist zerstört. Wir sind frei. Wer trägt die Schuld, wer zahlt die Schulden, die Schuld?

Ein Mann geht durch die Stadt. Er kommt aus einem Lager. Kriegsgefangener. Ehemaliger. Er saß hinter Stacheldrähten und sah ins Freie. Er wird nicht müde, in der Stadt umherzugehen. Es schießt nicht mehr. Er schläft auf einem Ding, das um 1920 eine feine Chaiselongue gewesen ist. Berg und Tal. Spiralfedern gesprungen. Wenn es regnet, muß der Mann Eimer und Schüsseln aufstellen. "Warum gehst du umher? Gibt es nichts anderes zu tun?" Er sagt (sich): Ich muß das ansehen, einsaugen, einbrennen, daß ich es niemals vergessen kann. Wie ich es im Krieg gemacht habe. Sehen und bezeugen.

Schon beginnt die Veränderung. Die Amerikaner verlangen, daß die Toten, die auf den Straßen (jawohl) und in den Trümmern liegen, um die sich keiner gekümmert hat, beerdigt werden. Sie befehlen, daß durch den Schutt schmale Fahrbahnen geschaufelt werden, damit sie mit ihren Jeeps umherfahren können. Keine Post. Theater und Museen geschlossen. Schon am 1. Mai öffnen die Sparkassen ihre Schalter. Der Frühling ist heiß und sonnig. Das Stadion ist von 400 Granaten getroffen worden; aber am 14. Mai wird das Schwimmbecken, Ende Mai das Feld für die Leichtathleten freigegeben. Es schießt nicht mehr.

18 000 Häuser sind zerstört. An einem Mauerstück hängt ein Zettel: Wir leben noch. Zwanzig Zettel. Wo ein Stück Wand stehengeblieben ist: gekritzelte Nachrichten. 20000 Soldaten aus Düsseldorf sind tot oder verschollen. Es gibt keine Rückkehr. 6 500 Menschen sind in der Stadt umgekommen oder werden vermißt. Unter den Trümmern. In den "Hausbüchern" (Name, hintersinnig genug) waren 6 346 Juden verzeichnet. Sie wurden im Osten schrecklich ermordet. 1 465 Personen jüdischen Glaubens gelang es, nach England oder Übersee zu entkommen. Streue Asche auf dein Haupt, sagte das junge schöne israelitische Mädchen zu dem Mann. Und: Schalom. Das heißt: Frieden.

Wir sind frei. Im August findet das statt, was man die "erste Wohnungserhebung'" nennt; im Dezember wird das Vieh gezählt. Beamte, Angestellte und Arbeiter der Stadtverwaltung gibt es genau so viele wie zu Beginn des Krieges. (Sieh an.) In Düsseldorf werden 2 000 Kinder geboren, 600 sind unehelich, 5 000 Menschen sterben.
Ein Mann geht durch die Stadt. Er sieht eine Frau auf der Straße in sich zusammenfallen. Sie ist verhungert, sagt der Arzt. Von 1 200 Lungentuberkulosen sterben 229. 45 000 Menschen leben in Bunkern. Die Stadt ist zur Hälfte zerstört, 158 Quadratkilometer. Zehn Millionen Kubikmeter Schutt. Jeder Windhauch wirbelt Sand, Mörtel und Staub auf. Es knirscht zwischen den Zähnen.

Im Juni werden die Amerikaner von englischen Truppen abgelöst. Sie verkünden im September ein Notprogramm für den Wohnungsbau. Sie schaffen Baumaterial auf Lkws der Armee heran. Sie verschenken 15 000 Kanadische Holzöfen. (Der Mann lernt die kurze dicke silberfarbene Röhre lieben: um sie baut er sein erstes Zimmer auf, eine Mansarde in einem fünfstöckigen Haus am Rhein.)
Eine merkwürdige Entdeckung wird gemacht. Die Stadt ist 243mal von Fliegern angegriffen worden. Aber es wurden vor allem Brandbomben geworfen. Die Stadt, die Häuser brannten aus. Aber das Unterirdische, die Leitungen für Wasser, Gas, Elektrizität, Telefon, die Kanäle blieben zum größten Teil unzerstört. Das Leben kann rascher anfangen als in anderen Städten.

In der Stadt beginnt ein fieberhaftes Gemache. An allen Ecken und Enden wird gearbeitet, als ginge es ums Leben. Es geht ums Leben. Ums neue Leben. Die zerstörten Hochwasserdeiche werden wieder aufgebaut und festgemacht. Die Krankenhäuser notdürftig gerichtet. Die Lieferung von Wasser, Gas, Elektrizität in Gang gesetzt. Ab 12. Mai erscheint das Nachrichtenblatt der Militärregierung: "Ruhrzeitung", am 18. Juli die "Neue Rheinische Zeitung". In die Trümmer der Rheinbrücke wird eine Fahrrinne gesprengt, die Einfahrt zum Hafen freigemacht. Das Alltägliche setzt sich fort: an städtischen Steuern und Abgaben werden 26,5 Millionen von den Düsseldorfern bezahlt. Aber auch: am 17. Juli wird das erste öffentliche Konzert veranstaltet, am 1. Oktober übernimmt Heinrich Hollreiser die Oper und das Städtische Orchester. Ab Juli gibt es wieder Schauspielaufführungen. Man geht zwischen aufgetürmten Trümmermauern hindurch ins Theater.

Der Menschen bemächtigt sich eine Art von Raserei. Jeder ist "unterwegs", um irgend etwas irgendwo zu holen oder irgendwohin zu bringen. Glas für die Fenster. Holz, Mörtel, Gips, Farbe, Nägel, Faserplatten. Ein Waschbecken aus Porzellan, Blech, Eisen. Schrauben und Muttern. Bettgestelle, Decken. Da hat der Mann einen Koffer untergestellt. Dort sind Möbel in Sicherheit gebracht worden. (Gestohlen.) Da hatte man eine Schreibmaschine versteckt. Hin und her. In Zügen, an denen nur noch die Räder in Ordnung sind. Und überall auf den Straßen Menschenschlangen. Es geht ums Leben. Wir sind frei. Es schießt nicht mehr. Die Angst ist weg. Zu einem Teil.

Der Mann ergattert in einem Geschäft für 5 Mark einen eisernen Bottich. Der ist aus dem Kopf einer V 2 gemacht, sagt der Verkäufer. Im Vorübergehen hört der Mann zwei kleine Mädchen streiten: "Ich wette mit dir um einen Krieg, daß es so ist, wie ich es dir gesagt habe." Um einen Krieg. In der Hunsrückenstraße, Nummer 13, ist ein einzelnes Haus schmalbrüstig stehengeblieben: die Kneipe "Fattys Atelier". Unbeschädigt, unverändert. Walter Lemke tischt dort allabendlich seinen Freunden ein Süppchen auf. Pläne. Hoffnungen.

Überall in der Stadt, am hellichten Tag, an den Ufern der Düssel, laufen die Ratten umher, über die Straßen, in die Mülltonnen, in die Keller, durch die Trümmer, längs der Kanäle. Sie laufen nicht sehr schnell. Sie sind fett. Sie sitzen still und sehen die Menschen an. Frech. Sie scheinen bereit zu sein, anzugreifen. Sie vermehren sich im Unterirdischen der Stadt. Kein Feind gebietet ihnen Einhalt. Der Mann steht auf der Straße und sieht ihnen zu. Wie sie fressen. Wie sie sich zanken.
Wie sie pfeifen. Wie sie sich beißen. Wie sie sich paaren.

Auf den Schuttbergen, in den Ruinen, auf den Mauern der ausgebrannten Häuser, überall siedeln sich Moose an, Gräser, Blumen, Sträucher, die Schößlinge der Birken. Vor allem Birken. Die Witterung ist günstig. Woher kommt all dieser Samen, der sich im Verwitternden festkrallt, keimt, wurzelt, aufgeht, blüht, das Wüste zu überziehen beginnt? Er ist da, er kommt vom flachen Land, vom Niederrhein, aus dem Grafenberger Wald. Er ist in der Luft, der Wind trägt ihn heran, der Wind streut ihn aus. Das Leben. Dort, wo die Bombengräber sind, wo die Leichen unter den Trümmern verwesen, wo der Zerfall die Mauern aufbröselt, Regen, Wind, Sonnenhitze, Kälte. Dieser Same ist früher auf den Asphalt gefallen und verkommen. Jetzt ist seine Stunde da.
In Derendorf gibt es eine alte Frau, die trocknet Blumen, Kräuter, Gräser, Blätter, eine Messerspitze zermahlene Menschenknochen (derzeit leicht zu haben), eine Prise getrocknete Kröte, Kot vom Hund und von der Katze, Harn vom Hengst. Dies Mittel hilft gegen alles, unerwünschte Schwangerschaften, offene Beine, gebrochene Liebesschwüre, blutende Herzen. Die Alte schlägt die Karten und weissagt die Zukunft aus der Hand. Die ganze Stadt spricht von ihr. Der Mann sieht, wie die Leute in ihr Haus schleichen. Wer weiß etwas vom nächsten Tag, Jahr, Jahrzehnt? Die Alte. Träume, Wünsche, Weissagungen.

Es gibt alles zu kaufen, was jemand haben will. Auf der Straße. In Häusern. Schuppen. Für teures Geld. Alles. Die Menschenschlangen vor den Geschäften warten auf das, was es auf die neugedruckten Lebensmittelkarten gibt: wenig, schlecht. Aber Butter, Eier, Käse, Brot, Margarine, Strophantin, Zigarren, Zigaretten, Schokolade, Schnaps, elektrische Geräte aller Arten, Insulin, alles, alles auf den schwarzen Märkten. Da keiner die geforderten Preise bezahlen kann (alles, was einen Wert hatte, gerät ins Wandern), versuchen die, die es können, selbst in den Handel einzusteigen. Ehrenwerte Bürger. Einer, unzählige fangen an, Schnaps zu brennen und zu verkaufen. Zehntausend Zigaretten, nur gegen bar. Mehl, Kartoffeln, Kohlen, Briketts? Sie können alles haben. Kommen Sie auf den Nordfriedhof, links, gleich hinter der Kapelle, wo der Engel aus Mar-mor steht. Der nur noch einen Flügel hat. Der Mann kommt. Keine Ware. Kinnhaken. Geld raus. Fort. Räuber. Es tun sich Räuberbanden zusammen, die "Hellweg"-Bande ist die schlimmste. Der Mann sieht, wie an einem Novembermittag einer Frau der Pelzmantel vom Leib gerissen, ihr Begleiter mit einem Schlag zu Boden gestreckt wird. Es ging blitzschnell. Ein Alptraum. Als man die Geschlagenen aufrichtet, sind die Räuber über alle Berge. 52 Menschen werden in Düsseldorf in diesem Jahr ermordet. Es geht ums Überleben. Jeder weiß oder ahnt es. Der Mann, der umhergeht, sieht es an jeder Ecke. Zum äußersten entschlossen. Die entlassenen Soldaten noch in ihrem Militärzeug, mancher mit einem POW auf dem Rücken, DDT-Puder in den Ärmeln und Hosenbeinen. Leben. Es schießt nicht mehr. Sie sind frei. Sie greifen nach der Freiheit. Sie wollen sie leibhaftig fühlen. Überall. Es wird wild geliebt.

Im Mai erhalten die Straßen ihre alten Namen zurück. Wie war es mit Heinrich Heine? Anfang Juni fahren die ersten Straßenbahnen. Die Fenster sind unverglast oder mit Brettern verschlagen. Sirenengeheul scheucht die Bürger abends von den Straßen: Ausgangssperre. Es wird scharf geschossen. (Wieso?) Wir sind frei. Statistisch: 100 Männer können zwischen 172 Frauen wählen. Ende Juli kommt der erste Kohlenzug aus dem Ruhrgebiet zum Gaswerk. (Es wird en masse geklaut. Kardinal Frings erklärt solches Tun für sündlos.) Der Fährbetrieb zwischen Oberkassel und Düsseldorf wird wieder aufgenommen. Fünfeinhalb Millionen Menschen werden über den Rhein gesetzt.

Die Stadtverwaltung gibt bekannt: "Vor dem Zuzug nach Düsseldorf wird gewarnt." (Der Mann, der in der Stadt umhergeht, in der er geboren worden ist, hat diesen Rat nie gehört.)  Anfang August wird der Unterricht an den Schulen wieder aufgenommen. Etwa 1 000 Lehrer beschäftigen sich mit der Bildung von 38 000 Kindern. An der Kunstakademie versuchen 122 Schüler von 10 Professoren etwas zu lernen. Ewald Matare wird ihr Direktor. Englische Pioniere erbauen die Freeman-Brücke. Im Oktober wird im Hafen das erste Schiff mit Mehl entladen. Am 10. November ziehen (nach 7 Jahren) die Kinder mit bunten Laternen durch die Stadt und singen ihre Martinslieder. Der Heilige zerteilt seinen Mantel. Was macht ein Armer mit einem halben Mantel? Die leeren Fenster in den toten Fassaden werden zu schwarzen Augen ohne Blick. Keine einzige Kartoffel in der Stadt, kein frisches Gemüse. (Neben dem Mann stand ein Maler namens Ensor. Die Kinder und eine solche Stadt, das hätte ich gerne gemalt, sagt er.)
Jeden Tag geschieht etwas Neues. Es wird versucht, die Vergangenheit zu klären. Frei nach Heißenbüttel: Ein alter Nazi schimpft einen alten Nazi einen alten Nazi.

Rechnungen werden beglichen. Aber es schießt nicht mehr. Die Volkshochschule wird wieder eröffnet. Wolfgang Langhoff wird Generalintendant der Städtischen Bühnen. Düsseldorfs schönstes Denkmal, das Reiterstandbild des Kurfürsten Johann Wilhelm von Gabriel Grupello, kehrt in einem "feierlichen Festzug" aus einem Bergstollen in Gerresheim auf den Marktplatz zurück. Am 22. Dezember eröffnet die Tänzerin Hella Nebelung in einer halbzerstörten Villa (es war kein Haus, eben eine Villa) an der Hofgartenstraße ihre Galerie. Die Decken schwanken, wenn ein Fest gefeiert wird (voilà).

Am gleichen Tag beginnt der Wiederaufbau der Oberkasseler Brücke. In die Pfeiler werden Sprengkammern eingebaut. Wieder. Noch immer. Es schießt nicht mehr. Am 28. Dezember rast ein orkanhafter Sturm mit Windstärke 11 über die Stadt hin. Einhundert Häuser stürzen ein, fünfzehn Menschen werden erschlagen. Der Mann geht durch die Stadt. Er sieht, wie eine Fassade zu wanken beginnt, schwankt und dann, ohne den großen gemauerten Zusammenhang zu verlieren, wie eine flache Hand auf die Straße schlägt und dort zerschellt. Der Mann schreibt in sein Notizbuch für 1946: pax, bonum et libertas. Wir sind frei. Es schießt nicht mehr. Es geht um den Frieden.

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