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Aus der Feldpost von Peter Falkenstein

Für Peter Falkenstein und seine Brüder im Felde ist die Post wie für alle Soldaten das entscheidende Kommunikationsmittel. Körperliches und seelisches Wohlbefinden der Soldaten wird von den Briefen und Päckchen bestimmt, die zwischen Heimat und Front ausgetauscht werden. Aus der Kriegskorrespondenz von Peter Falkenstein sind über achtzig Feldpostbriefe und -karten erhalten, die er selbst an die Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde geschrieben hat, sowie über 20 Briefe und Karten, die er von zu Hause erhalten hat. Letztere sind nur ein verschwindend geringer Anteil der Briefe, die vor allem Peter Falkensteins Mutter vornehmlich sonntags an ihre Söhne geschrieben hat. Darüber hinaus hat eine kaum schätzbare Zahl von Päckchen den Weg von der Heimat an die Front gefunden. Diese werden überwiegend auch mit der Feldpost verschickt oder durch Kameraden überbracht, die auf Heimaturlaub sind.

Inhaltliche Themen der Feldpost von Peter Falkenstein:

 

Stationen des Kriegsdienstes

An Hand der Schreiben lassen sich die Stationen des militärischen Werdegangs von Peter Falkenstein grob skizzieren. Die erste (vorhandene) Postkarte verschickt er noch zur Friedenszeit am 8.6.1914 von Koblenz aus, wo er beim Rheinischen Infanterie-Regiment Nr. 68 seinen Wehrdienst angetreten hat. Er berichtet von der Verlegung zum Truppenübungsplatz Elsenborn in der Nordeifel. Der erste Brief und die erste Feldpostkarte der Kriegszeit sind erst auf den Juni 1915 in Frankreich datiert. Aus den Monaten davor sind zwar keine Belege überliefert, aber der Hinweis „vom Pulverdampf ergrauten Krieger" im Brief vom 22.6.1915 legt nahe, dass Peter Falkenstein schon einige Zeit als Infanterist an der Westfront verbracht hat wie Millionen anderer junger Männer auch.
Am 8.2.1916 berichtet er, dass er „die Geschäfte der Revierkrankenstube führt". Ab September 1916 setzt er seine sanitätsdienstliche Tätigkeit im Heimatgebiet fort, und zwar in einem Lazarett in Hamborn.
Im Februar und März 1917 belegen zwei Postkarten wieder einen Aufenthalt in der alten Garnison in Koblenz. Ab Juli 1917 beginnt er seine Ausbildung als Flieger in Köslin bei der Fliegerersatzabteilung 8 und setzt sie ab September 1917 bei der Fliegerersatzabteilung 2 (Fea 2) in Schneidemühl fort. Vom Oktober 1917 bis Februar 1918 ist er in Jüterbog stationiert und führt von hier aus diverse Überlandflüge vorwiegend in Mitteldeutschland durch. Dann verlegt man ihn zum Bombengeschwader 1 der Obersten Heeresleitung (BOGOHL 1) an die Westfront, wo er als Flugzeugführer eines Großflugzeuges Einsätze tief ins feindliche Hinterland, insbesondere Bombenangriffe gegen Paris, fliegt. Die letzte Post datiert vom 18.11.1918 nach dem Waffenstillstand. Er wohnt in Wesseling und fliegt von Köln aus Informationseinsätze mit Flugblättern für die eigene Truppe in Belgien.

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Sorgen und Nöte

Im Mittelpunkt der Korrespondenz steht die Frage nach dem persönlichen Wohlergehen, und hier besonders der fast unersättliche Wunsch des Soldaten nach Päckchen mit Nahrungsmitteln von zu Hause. Während Peter Falkenstein noch am 22.7.1915 schreibt: „Wir pflegen uns augenblicklich noch immer so gut, daß wir jeden Tag zunehmen an Gewicht und Umfang....", setzen in den nächsten Monaten immer mehr die Klagen über Teuerung und Versorgungsengpässe bei der Truppe ein. Diese beginnen zunächst bei den Genussmitteln, so in einem Brief am 28.9.1915: „Schickt mir zwei Päckchen ...Tabak für meine Pfeife, den kann man hier nicht haben." Willkommen sind die Sendungen mit Nahrungsmitteln  auch deswegen, weil - so Peter Falkenstein am 7.10.1915 - „was von zu Hause kommt, schmeckt doch immer besser...." Appetit und Heimatgefühl verbinden sich miteinander fast visionär (14.11.1915): „Wie ich las, daß Ihr am Wurstmachen seid, hab' ich gleich Appetit bekommen und habe mir in Gedanken so eine schöne gebratene Pfanne Leberwurst vorgestellt." Dem Dank für ein „Paketchen mit Butter und Zucker" (4.2.1916) fügt Peter Falkenstein entschuldigend hinzu: „Man ist auch bald etwas verwöhnt, ich meine auch, ich müßte jeden Tag was von Haus bekommen...." Am 17.2.1916 meldet er: „Hier gibt's auch keine Butter mehr..." und am 1.9.1916 mittlerweile von Hamborn aus: „....für einen gesunden Menschen fällt es doch schwer, mit der Brotkarte satt zu werden...."
Die Eltern in Stotzheim können in dieser Zeit und in den folgenden Kriegsjahren den Wünschen ihrer Söhne noch entsprechen und sie nicht nur mit Nahrungsmitteln, sondern auch mit Kleidungsstücken wie Schuhe, Strümpfe, Wäsche, sowie gelegentlich mit Geld versorgen. Die Erträge aus Landwirtschaft und Mühle geben trotz aller kriegsbedingten Engpässe diese Güter her.
Und man ist bedacht, vor allem die Lebensmittel gut zu bevorraten und dem staatlichen Zugriff zu entziehen. So schreibt die Mutter am 2.6.1918 von einer Hausdurchsuchung im Dorf und im Haus: „Am Freitag war wieder große Reiserei hier, eine Herde von Soldaten. Sie haben überall wieder gesucht, im Keller, auf allen Zimmern, im Hof, in den Mühlen überall, aber wo wir es versteckt hatten, haben sie nicht gesucht....In Stotzheim haben sie nichts gefunden."
Allerdings wird die Verknappung an Lebensmitteln im vierten Kriegsjahr auch zu Hause spürbar, wenn die Mutter am 7.6.1918 schreibt: „Jetzt kann man auch nicht mehr von allerhand mitgeben, jetzt muß man an erster Stelle für sich und Kinder sorgen.... Wir werden aber auch so viel angebettelt von Verwandten und Bekannten."
Einen breiten Raum im Gedankenaustausch zwischen Sohn und Mutter nehmen die Lebensverhältnisse zu Hause ein. Die Mutter berichtet immer wieder vom Tagesgeschäft in der Landwirtschaft und in der Mühle, von der Aussaat, vom Korn- und Kartoffelernten, vom Schweinschlachten und Wurstmachen, von Reparaturarbeiten am Mühlrad und Wasserbett etc. Da von vier Söhnen drei zum Kriegsdienst eingezogen sind, hapert es zu Hause an Arbeitskräften, zumal der Vater und der Oheim wegen Krankheit z. T. über längere Zeit ausfallen und ihrerseits der Pflege bedürfen.
Neben den Sorgen daheim befassen sich die Briefe der Mutter vor allem mit dem Schicksal der Söhne, die im Fronteinsatz sind. Ein Sohn, Joseph, ist bereits am 20.9.1916 in der Somme-Schlacht gefallen, ein zweiter schwer verwundet worden. So äußert sie ihren Kummer und ihre Ängste in vielen Briefen, wenn Post auf sich warten lässt oder die Söhne lange Zeit nicht auf Urlaub kommen können.
Peter Falkenstein nimmt innigen Anteil am Befinden der Familienangehörigen und am Geschehen zu Hause. Am 14.11.1915 schreibt er mit humorvollem Unterton: „Mein liebes Mütterchen, Du mußt Dich besser auf den Beinen halten, zwischen 20 und 80, das sind doch die besten Jahre."
Immer wieder beschäftigt ihn die Frage nach den bäuerlichen Arbeiten im Jahreskreis, abhängig von der Wetterlage. Am 8.7.1916: „Regnet's bei Euch auch soviel? Was soll das noch werden?" Am 6.7.1917: „Wie steht's denn zu Hause mit der Ernte? Könnt Ihr bald am Roggen anfangen?"
Anfang 1918 mehren sich die Briefe von zu Hause, die von den Gefallenen und Vermissten in der Gemeinde und in den Nachbardörfern, aber auch von vielen Todesfällen durch Krankheit und Unfall berichten. Bestürzt fragt Peter Falkenstein am 1.2.1918 nach: „Ihr laßt ja ziemlich Leute bei Euch sterben, wie kommt das? Gibt's bei Euch denn auch so wenig Essen? Man soll's kaum glauben." Und nochmals am 23.3.1918: „Was ist denn los in Stotzheim, daß da so viele Leute sterben? Ist es denn so schlecht? Soviel sterben doch nicht im Krieg."
Die Lage zu Hause spitzt sich zu. Der Vater erkrankt schwer, und Peter Falkenstein erkundigt sich am 20.6.1918 besorgt: „Na, wie geht's denn dem Vater? Er wird doch hoffentlich bald wieder gesund sein? Die alten Leute müssen aber auch jetzt im Krieg zuviel arbeiten, und wir sitzen hier im Krieg und wissen oft nicht, was wir anfangen sollen." Und am 1.7.1918: „Ihr könntet doch jetzt sehr gut Hilfe gebrauchen.... So Gott will, dauert's auch nicht mehr allzu lange, bis ich komme."
Fast zeitgleich am 2.7.1918 schreibt die Mutter: „Wir sind jetzt schlimm dran, der Vater ist noch immer sehr krank, hat jetzt die 'rote' Ruhr, davon sind hier schon starke Leute gestorben. Was sollen wir nur machen, Vater wird noch lange arbeitsunfähig sein...... Wenn Du nun nicht viel Post erhältst, denkst Du als mal, wir hätten schlecht Zeit für zu schreiben, müssen dem Vater immer aufwarten und im Heu und Feld ist so viel Arbeit."
Sohn Peter antwortet am 4.7.1918 sofort auf diesen Brief: „Aber es ist nicht nötig, daß Ihr soviel schickt und schreibt. Bin auch gern mit Wenigem zufrieden, weil Ihr jetzt so schlechte Zeit dazu habt. Also ist der Vater doch noch nicht gesund, und wie Ihr mir schreibt, ja noch schlimmer geworden. Dazu jetzt noch bei all der Arbeit. Was soll das denn noch werden? Hoffentlich ist aber Johann jetzt bei Euch und kann Euch die Arbeit abnehmen. Es wäre aber sehr gut, wenn Math. oder Johann für längere Zeit nach Haus käme, denn so kann es doch nicht weitergehen." Im August hat sich die Lage offensichtlich entspannt. Der Vater ist anscheinend wieder gesund, und die Söhne bzw. Brüder von Peter - Mathias und Johann - sind auf Heimaturlaub und haben zur Arbeitsentlastung beigetragen. Dies kann man einem Brief der Mutter vom 25.8.1918 entnehmen, die zugleich einflicht: „Nun naht bald wieder die Zeit, daß Joh. wieder fort muß, man denkt schon mit Angst daran...." Diese Angst um die Söhne wird die Mutter bis Ende des Krieges nicht verlassen.

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Waffenstolz und Friedenssehnsucht

Die Briefe von Peter Falkenstein, aber auch die seiner Angehörigen sind ein wichtiger Gradmesser der Stimmungslage an der Front bzw. in der Heimat.
In den ersten Kriegsmonaten herrscht eine gewisse Euphorie vor. Peter Falkenstein am 22.7.1915: „Hoffentlich haben wir keinen Urlaub mehr nötig, wird wohl bald mal Schluß sein." Und am 5.8.1915: „Sind wir jetzt wieder in Stellung und zuvor ist's hier wunderbar. Man merkt auch kaum, daß Krieg ist, wird fast gar nicht geschossen.... In Reservestellung und sogar im Schützengraben sind die schönsten Sommerlauben...." Im letzten Quartal des Jahres 1915 äußert sich die Friedenshoffnung immer häufiger und dringlicher in den Briefen und Postkarten nach Hause. Am 14. Oktober: „Hier bei uns hat sich die Lage nicht verändert und hoffen auch schon immer auf Frieden. Es muß doch einmal aufhören." Am 22. November: „Mit dem Urlaub hat's nun einmal nichts gegeben, ist auch nicht gefährlich, wird wohl bald Friede sein." Und am 21. Dezember: „Wollen mal abwarten, was das Weihnachtsfest bringen wird oder das Neue Jahr, muß doch einmal Friede werden." Die Erwartungen sind zu diesem Zeitpunkt des Krieges immer noch auf einen Siegfrieden ausgerichtet. So Peter Falkenstein am 31.12.1915: „Vielleicht bringt uns das Neue Jahr siegreichen Frieden."
Aber auch das Jahr 1916 bringt, wie es in einem der Briefe heißt, „....im Westen nichts Neues". Allerdings wird der Frontsoldat im September des Jahres in die Schreibstube eines Lazaretts im Heimatgebiet versetzt. So ist er zunächst der täglichen Konfrontation mit dem Tod und den Entbehrungen des Grabenkrieges entzogen.
Mit der Versetzung zur Fliegertruppe 1917 verändern sich die Lebensbedingungen und die Motivationslage von Peter Falkenstein noch einmal spürbar. Am 6. Juli schreibt er: „Hätte nicht gedacht, daß man eine so gute Stelle noch mitten im dritten Kriegsjahr findet." Die Ausbildung und das Fliegen machen ihm Freude. Und er genießt die neu gewonnene Bewegungsfreiheit, die Entspannung und die Möglichkeit, trotz Teuerung und Rationierung vieler Güter, seine Lebensführung zu verbessern. Am 4.7.1917: „Bin soeben vom Mittagsschläfchen aufgewacht und hatte zum Kaffee vier Brötchen verzehrt. Was man nachmittags zum Kaffee ißt, muß man extra bezahlen. Die Hauptsache ist aber, daß man was kaufen kann." Und am 29. Oktober: „Gestern nachmittag haben wir ein(en) Spaziergang nach Kloster Zimmer gemacht. Da haben wir noch eine gute Quelle gefunden. Es gab dort Kaffee mit Milch und Zucker, Kuchen, Wurststullen und so ähnlich Schönes. Haben uns auch kräftig satt gegessen. Nach den Preisen darf man aber nicht viel sehen, muß froh sein, was zu bekommen."         
Die Verlegung als Flieger an die Westfront im Februar 1918 erlebt Peter Falkenstein ebenfalls positiv. Am 6. Februar schreibt er nach Hause: „Eigentlich leben wir hier so in recht friedlichen Verhältnissen, bedeutend schöner als in Deutschland. Man wird doch schon mehr als Herr behandelt und nicht als Soldat. Wir haben jetzt hier das herrlichste Frühlingswetter und kann dabei wunderschön spazierengehen, ganz anders als man früher im Graben hocken mußte. So ein(en) Betrieb brauchen wir Gott sei Dank nicht mehr mitzumachen."
Und am 25. März: „Ist doch als Flieger was anders. Als ich da diese Nacht herunterschaute, dachte ich so, na da hast Du Dich früher auch mal in dem Dreck herumgeschlagen, und jetzt fliegt man sozusagen in aller Gemütsruhe darüber weg."
Im selben Brief geht er auch näher auf die Einsätze der Bombengeschwader ein,  „die Nacht um Nacht die widerwärtige Lage und allen möglichen Klamau des Feindes belegt haben..., so haben wir auch diese Nacht wieder bis um die drei feste....geflogen. Es ging ziemlich weit hinter die Front. Dort wurde abgeladen, nach Hause geflogen und gleich wieder von Neuem los. Ich glaub', die Franzmänner sind diese Nacht nicht zur Besinnung gekommen."
Die Angriffe richten sich zwar gegen militärische Ziele, treffen aber auch die Zivilbevölkerung. Das BOGOHL 1 hat es besonders auf Paris abgesehen. Peter Falkensteins Mutter erfährt von den Bombenangriffen nicht nur aus seinen Briefen, sondern auch aus der Zeitung: „Als ich das in der Zeitung las, da sagte ich aber gleich, dann ist unser Peter auch dabei gewesen und siehste, so wird es auch sein....Dann bist Du aber tüchtig geworden, wer hätte sowas jemals gedacht...." Mitleidvoll denkt sie aber auch an die Opfer der Bombardierungen: „Ja, die armen Leute, tut mir aber leid, so unschuldig dran müssen..."
Im Brief vom 30.3.1918 verweist Peter Falkenstein auf die Abmessungen und auf die Bombenlast, die er mitführen kann: „...mit unseren Großkampfflugzeugen, wie wir sie hier haben, holen wir 24 Zentner mit. Wenn Ihr die großen Kisten mal sehen würdet, staunt Ihr Bauklötze. Die sind ungefähr 30 m breit." Und mit Stolz - nicht ohne Übertreibung - führt er am 6. April aus: „Die Dinger sehen ganz gewaltig aus. Wenn die in ein paar hundert Meter über Euch kommen, wackelt ganz Stotzheim. Sobald wir mal Frieden haben, komme ich damit nach Hause." Dieses Versprechen wird er wenige Monate später einlösen.
Das Bombengeschwader fliegt seine weitreichenden Einsätze überwiegend bei Nacht. Peter Falkenstein bemerkt dazu am 7.5.1918: „Unsere Hauptflüge machen wir ja in der Nacht. Das werdet Ihr Euch kaum vorstellen können, wie man so ganz im Dunkeln fliegen kann. Und doch ist die Nacht ziemlich einfach, das heißt, wenn man es kann. Das Fliegen geht dann ganz genau nach Zeit und Kompaß, aber auch von der Erde kann man noch alles erkennen. Was wir suchen, finden wir schon, und unsere Bomben werden das Nötige schon besorgen."
Am 30.5.1918 belegt Peter Falkenstein den ersten Abschuss eines gegnerischen Flugzeugs mit einem Photo und kommentiert: „Wir sind doch zu vier Mann mit drei Maschinengewehren in unseren Maschinen. Wenn uns einer zu nahe kommt, der ist für die Katz." Im selben Brief tritt er den Gerüchten und Zweifeln in der Heimat mit Erfolgsmeldungen und Durchhalteparolen entgegen, um seiner Familie Mut zu machen: „ Ich muß mich wundern, daß Ihr noch so ein(en) Blödsinn glaubt, daß die Franzmänner Cöln in vier Wochen vernichten wollen. Solche Aussagen sind meistens selbst erfundener Quatsch, oder wenn es von den Franzmännern stammt, muß man deren Redereien gewöhnt sein.
Im Gegenteil, was haben wir die Kerls wieder an's Laufen bekommen. Die letzte Zeit hab' ich mit meiner Maschine jede Nacht 1200 kg Bomben geschleppt und die den Franzosen in die größeren Ortschaften und Städte fallen lassen, wo wir jetzt wieder vor gekommen sind. Sowas müßtet Ihr Euch mal ansehen können, da steht aber die ganze Gegend in Flammen. Wenn wir vom letzten Flug zurückkamen, war es schon immer hell. Ob die noch nicht bald genug Krieg haben? Mit Schlafen kommen wir gar nicht mehr bei; aber das macht nichts, die Hauptsache, es geht vorwärts. Wir Flieger können doch den Krieg meilenweit übersehen. Da kann man sich doch mal ein Bild von der ganzen Sache machen."
In der Folgezeit ist Peter Falkenstein immer wieder bemüht, die Stimmung zu Hause durch patriotisch oder humorvoll gefärbte Einsatzberichte zu verbessern. Im Brief vom 13.7.1918 geht er offensichtlich auf dunkle Ahnungen ein, die ihm seine Angehörigen an Hand von Zeitungsmeldungen mitgeteilt haben: „Das ist doch allerhand, was die da in die Zeitung setzen, das hört sich ganz gefährlich an. Hat Stotzheim denn nicht die Fahnen herangesteckt?"
Der Brief der Mutter vom 11.9.1918 lässt neben dem Stolz auf den Sohn auch Friedenssehn- sucht und Resignation anklingen: „In der Zeitung lasen wir diese Tage, was das Bombengeschwader wieder all geleistet hat. Wir sagten, da wird Peter auch wieder dabei gewesen sein. Ja, wann mag die Mörderei wohl mal aufhören, ich glaube gar nicht mehr, wie Du auch meinst, daß das Ende abgeschnitten ist."
Der Gedankenaustausch zwischen Mutter und Sohn im September 1918 geht nicht nur auf die Bombenflüge des Sohnes in Frankreich ein, sondern auch auf die mittlerweile spürbar gewordene Bedrohung des Kölner Raumes durch feindliche Luftangriffe. Die Mutter am 22.9.1918: „Ja, die Kölner sind auch arg in der Angst wegen den Fliegern.....jetzt in den hellen Nächten wieder in einer Aufregung."
Mehr denn je befallen die Mutter Ratlosigkeit und Zukunftsangst hinsichtlich eines schlimmen Ausgangs des Krieges. So schreibt sie am 20. Oktober: „Aber Peter, was meinst Du vom Kriege, wenn wir nur wohnen bleiben können, wohin sollten wir laufen, gib uns ein guter Rat, Du hast das jetzt so lange mitgemacht, wie wir es machen sollen, es sieht jeden Fall nicht gut für uns aus. Es ist aber schade, für all das Blut, was vergossen worden ist, aber die Übermacht ist zu groß. Hoffentlich wird der liebe Gott doch alles zum Besten zu lenken wissen, daß unsere Heimat doch nicht zu sehr verwüstet werde und wir mit dem Leben davon kommen."
Wohl die letzte Postkarte, die Peter Falkenstein als Soldat schreibt, ist nach dem Waffenstillstand am 18.11.1918 geschrieben und berichtet von einer interessanten Dienstleistung für die eigenen Soldaten: „Seit einigen Tagen hab' ich mich hier in Wesseling sozusagen häuslich niedergelassen. Bin nämlich mit meiner Flugmaschine noch in Cöln, um Flugblätter nach Belgien zu schaffen; damit die Truppen über die Verhältnisse hier in Deutschland genau orientiert werden und ruhig mit ihrem Truppenteil nach Hause kommen sollten.
Dann bin ich fast jeden Abend nach Wesseling gefahren zum Essen und Schlafen.
Wenn wir nun nichts mehr haben, komme ich mit meiner Maschine was holen. Sobald das Wetter gut ist, komme ich nochmal zu Euch."
Diese Zeilen bestätigen zudem den Augenzeugenbericht der 13jährigen Schülerin Maria Mies vom 14.11.1918, dass Peter Falkenstein nach Kriegsende sein Heimatdorf wiederholt mit dem eigenen Flugzeug angeflogen hat. Der Flugzeugführer aus Stotzheim hatte sein Versprechen eingelöst.

Horst Schuh

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